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Günter Limburg ist ein Sehender. Er erblickt den Menschen hinter dem Menschen, die Seele hinter der Maske der Konformität und des gesellschaftlichen Anspruchs. Schicht für Schicht entblättert er den Kern der Wahrheit. Die Schalen der Verhüllung - Stolz, aufgesetzter Optimismus, allgegenwärtige Stärke - macht Limburg sichtbar. Und setzt sie dem schonungslosen Licht der Realität, dem Wahr-Sein aus.
Dieser ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Menschen sind Jahre der künstlerischen und emotionalen Entwicklung Günter Limburgs vorausgegangen. Lange Zeit stellte Limburg den Menschen auf einen künstlerischen Sockel, wagte nicht die Verfremdung. Erst die Einbindung der Kohlezeichnung in sein Schaffen erlaubte ihm den freien und spontanen Umgang mit seinen Ideen und Motiven. Die naturalistische Darstellung der Menschen ist noch vorhanden. Durch die Stilisierung seiner Protagonisten und den kubistischen Elementen in seinen Bildern hat Limburg jedoch eine neue Perspektive geschaffen. Die äußerliche Erscheinung des Menschen, die emotionale Züge erahnen läßt, ist in der direkten Konfrontation mit den wahren Gefühlen verräterisch.
In der Zivilisation ist man die Be- und Verkleidung gewohnt. In Naturvölkern hingegen verhüllt nur ein Lendenschurz die Scham. Die Anstößigkeit beginnt erst da, wo ein Mensch sich trotz der Möglichkeit der Verdeckung entblößt. Kaum jemand, der die Tabuisierung, die Verstellung gewohnt ist, gibt seine Intimitäten preis. Seien sie körperlich oder seelisch. Limburg wagt diesen Schritt sowohl emotional, als auch sexuell. Themen, die erst durch das Schweigen das Gewicht bekommen, das sie haben, verbalisiert Limburg in seinen Bildern. Ohne Voyeurismus macht er Grenzen gegenständlich, zeigt die Verflechtung von Körper und Geist.
Sehr wohl ist Günter Limburg ein Ästhetiker, aber vom Ästhetizismus, vom l´art pour l´art, ist seine Arbeit weit entfernt. Vielmehr ist sein Auge ein dem Menschen wohlgesonnenes. Günter Limburg balanciert wie kaum ein anderer auf dem Grat zwischen Bewunderung des Menschen und der nackten Enthüllung all seiner Schwächen und seelischen Abgründe.
In seine Bilder fließt der Geist des weisen und wohlwissenden Menschen ein, der die Wahrheit nicht leugnet, aber sie mit dem Band der Nachsichtigkeit umschlingt. Limburg deckt Fehler und Schwächen auf, aber ohne anzuklagen. Vielmehr zeigt er allzu menschliche Züge auf, von denen jeder wenn er ehrlich gegenüber sich selbst ist, auch welche an sich selbst entdeckt und deshalb mit Verständnis reagiert.
Neben den Menschenbildern sind Landschaften und Stadtlandschaften ein dominantes Sujet von Günter Limburgs Arbeit. Der Künstler, der aus dem ländlichen Gebiet der Eifel in die Großstadt Köln kam, thematisiert die kulturellen Unterschiede der Menschen, die sich auch in der architektonischen Gestaltung des Lebensraumes widerspiegeln. Hier das Bild einer weitgehend unbeeinflußten Natur, dort die Großstadtschluchten. Es sind zwei Seiten derselben Medaille: Jedesmal ringt der Mensch der Natur seinen Lebensraum ab, gibt ihr den unverwechselbaren Flair menschlicher Kultur.
In Günter Limburgs Landschaftsbildern wird der Kontrast zwischen Natur und von Menschenhand geschaffenem deutlich. Aber auf subtile Weise auch die Abhängigkeit der Artefakte vom Einfluß der natürlichen Umgebung. Immer erstrahlt die Sonne oder der Mond über den Landschaften. Ohne diesen Einfluß stünde anstelle der Bauwerke und der menschlichen Kunstprodukte ein schwarzes Nichts. Sowohl für die Nutzung als auch die sinnliche Wahrnehmung geschaffen, aber visuell nicht mehr zugänglich.
Obwohl nicht beabsichtigt, wird in den Stadtlandschaften bei phantasievoller Betrachtung ein weiteres Spannungsfeld sichtbar: Die Symbiose des Menschen mit seiner künstlich geschaffenen Umgebung. Die figürlichen Elemente der Gebäude lassen die Interpretation von menschlichen Körpern zu. Wie eine Verschmelzung des Künstlers mit seinem Werk, tauchen in den Mauern und Wänden immer wieder die Erschaffer des Objektes auf.
Günter Limburg hat einen weiten Weg hinter sich gebracht. Doch mit der ständigen Fortbewegung auf neuen Pfaden dem Nicht-ausharren-Wollen gibt der außergewöhnliche Künstler seiner Arbeit immer wieder neue Impulse. Mit entwaffnender Ehrlichkeit sich und seiner Umgebung gegenüber, ist von Günter Limburg alles zu erwarten. Nur dem Stillstand wird sich Limburg nie ergeben.
Saje Asgari
Xanten, 1998
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